Zum Hauptinhalt springen

13.1. und 14.1.2017, je 19 Uhr: Antigone - Balanceakt zwischen Wahn und Sinn nach Sophokles, Cocteau und Anouilh

Karl-Friedrich-Gymnasiums Mannheim

Woran glauben, wofür leben wir? Antigone, gegen weltliches Gebot sich auflehnend, beerdigt ihren Bruder, den sicheren Tod vor Augen. Sie hört auf die innere Stimme ihres Herzens, denn sie findet Halt in Gesetzen, die nicht von dieser Welt, die „ewig“ sind.  Was kann uns Antigone heute zum Thema Menschsein sagen?  Die Schülerinnen und Schüler der Theater-AG und des Literatur- und Theaterkurses der K2 (Abitur-Jahrgang) des KFG Mannheim haben sich unter der Leitung von Jutta Grell auf diesen "Balanceakt zwischen Wahn und Sinn“ eingelassen und präsentieren am Ende der 1.Schulwoche im neuen Jahr freitags und samstags ihr Ergebnis.

   

Sophokles, Cocteau, Anouilh.        

Drei Meisterwerke – eine Fassung, warum?

Und am Ende? Eine Performance.    

Jutta Grell, November/Dezember 2016

 


Was kann Schülerinnen und Schüler heute an Antigone, der ca. 2400 Jahre alten Tragödie des Sophokles berühren? Wenn (fast) jeder zweite Begriff Fragen sowohl nach dem direkten Wortsinn als auch nach den tieferen mythologischen Zusammenhängen aufwirft?

Mit dieser Frage beschäftigte ich mich, experimentierend im fachpraktischen Arbeiten in AG und Kurs und mich immer tiefer versenkend in die Lektüre weiterer Fassungen: Acht vollständige Dramentexte von Sophokles bis Brecht.

Um den gehaltvollen Urtext in der Übersetzung von Heinrich Weinstock (hrsg. von Joachim Schondorf, Vorwort Karl Kerény) auch nur annähernd vertiefend zu erschließen, hätten wir Wochen und Monate pure Interpretationsarbeit leisten können - für einen reinen Literaturkurs eine sicherlich lohnende und spannende Arbeit.

Nun ist ein Theater-Literatur-Kurs explizit als fachpraktischer Unterricht angelegt und bietet damit ganz andere, nämlich theaterpädagogische Zugänge zu Literatur: Das Spiel, das Tun.

Kreative Annäherungen an Antigone, eine solch vielschichtige Dichtung, dass jede/r von uns gerade in heutiger Zeit gut und gerne ein ganzes Leben an ihr und mit ihr forschen und immer wieder überraschend zeitlose, ins Mark des Menschlichen treffende Bezüge entdecken könnte.

Im Literatur- und Theaterkurs und in der AG begann ich, theaterästhetische Grundlagen im Spiel aufzubauen nach der Methode des partizipativen Theaters von Maike Plath: Mit dem sogenannten theatralen Mischpult, das Schritt für Schritt zu selbstständigem Experimentieren mit körpersprachlicher Ausdrucksweise und den Möglichkeiten des chorischen Spiels ermächtigt. Aus dieser kreativen und fröhlichen Anfangsphase in der K1, in die ich sukzessive thematische und Text-Anstöße aus der Antigone einfließen ließ, beruhen die meisten der großen Chorauftritte und tanzartigen Spielpassagen in unserem Stück. Wunderbar ver-rückte Einfälle in Workshops mit der AG führten unter anderem zur einrahmenden Therapie-Runde.

Aus eingangs skizzierter Auseinandersetzung mit den verschiedenen Textfassungen ergab sich mein Vorhaben, ausgewählte sophokleische Text-Passagen (ca. 442 v.Chr.) zu nutzen und mit Cocteaus sprachlich moderner Fassung (1922) zu verschmelzen.

Und Anouilh? Die psychologisierende Fassung (1942), die Kreon als facettenreichen, nachdenklichen, eben nicht nur Macht-Menschen zeichnet und Antigone als jugendliche Individualistin, Selbst-Sucherin und provokative Sinn-Hinterfragerin?

Hier berührte im Ausprobieren die zärtlich-wilde Schwestern-Beziehung, der wir letztendlich auch großen Raum gaben. Auch die innige Verabschiedungs-Episode zwischen Antigone und ihrem Liebsten, Hämon, fand ihren Platz im Stück. Kreon beließen wir hingegen in Schwarz-Weiß als - zu lange - uneinsichtigen und unmenschlichen Machtpolitiker. Dieser wird kontrastiert durch den Wächter, der - bei uns gespielt im „Doppelpack“ - als poetisch veranlagte Nervensäge meist im Originalton* des Sophokles Komik ins Tragische zu bringen vermag. Unsere Chorsprecherin vereint in sich sowohl Sophokles Chorführer als auch den Anouilh’schen Sprecher: Eine moderne Kommentatorin, die Metaebenen im Stück eröffnet und bewusst mit Brüchen spielt.

In Schreibwerkstätten zu zentralen Themen der Antigone am Ende von K1 und zu Beginn der K2 schufen die Schülerinnen und Schüler Texte auf biografischer Basis nach den Verfahren kreativen Schreibens von Maike Plath und Lorenz Hippe, die in die Ungeheuer-Szene einflossen. Eine kleine Auswahl dieser Texte erscheint in der 2. Hälfte dieses Programmhefts, weil ich ihren Verfassern und Verfasserinnen damit allerhöchsten Respekt zollen möchte.

Am Ende verdichtete sich das Ganze durch harten Strich zunehmend und verschmolz zu einer reduzierten Text-Collage, die wir schwerpunktmäßig in streng durchchoreografierten Bewegungsabfolgen nach Maike Plath und vielen eigenen Ideen darstellen: Eine Performance.

Als begleitende thematische Forschungsarbeit suchten sich Manuela Matanovic und Serhan Yazgan das Thema „2016: Woran glauben – wofür leben? “ aus, welche die Aufführung als Interview-Audiospur rahmt.

Woran glauben, wofür leben wir?
Antigone, gegen weltliches Gebot sich auflehnend, beerdigt ihren Bruder, den sicheren Tod vor Augen. Sie hört auf die innere Stimme ihres Herzens, denn sie findet Halt in Gesetzen, die nicht von dieser Welt, die „ewig“ sind.

Was kann uns Antigone heute zum Thema Menschsein sagen?

„Meine“ Schülerinnen und Schüler der Theater-AG und des Literatur- und Theaterkurses der K2 haben sich mit mir auf diesen "Balanceakt zwischen Wahn und Sinn“ eingelassen: Danke! Und dies alles in zwei Schuljahren, in denen Ihr extrem unter schulischem Druck standet und steht – Hut ab!

Lange noch hätten wir weiter forschen und experimentieren können. Doch nun präsentieren wir am Ende der 1.Schulwoche des Jahres 2017 unsere bisherigen Ergebnisse und wünschen einen bedenkenswerten Abend.