Hermann Maas, Theologe, Pionier der Ökumene und des christlich-jüdischen Dialogs, Heidelberger Stadtpfarrer - und ehemaliger Schüler des KFG
Anlässlich des Gottesdienstes zum Gedenken an die Novemberpogrome am 9. November 2025 trugen Schülerinnen und Schüler der 9. Klassen die folgende Textcollage vor:
„Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, Gauleitung Baden, Kreispropagandaleitung, 6. Juli 1933
Unter der Heidelberger Bevölkerung herrscht außerordentliche Erregung darüber, dass der von einer Palästinareise zurückgekehrte Stadtpfarrer Maas am kommenden Sonntag wieder Gottesdienst halten soll. Die seit Jahren judenfreundliche Einstellung des Stadtpfarrers ist stadtbekannt, sie braucht nicht besonders unter Beweis gestellt werden. Maas wird überall als der Judenpfarrer betrachtet. Seine projüdische Einstellung ist überall bekannt. Wir bitten das Dekanat den Stadtpfarrer von der öffentlichen seelsorgerischen Tätigkeit zu entbinden.“
Dann kommt ein Gruß, den ich nicht aussprechen möchte, und die Unterschrift Kreispropagandaleiter
Wer war dieser Pfarrer mit der judenfreundlichen Einstellung, dieser „Judenpfarrer“?
Hermann Maas – geboren in Gernsbach im Schwarzwald - verbrachte die Gymnasialzeit erst in Heidelberg, dann ab 1893 in Mannheim. An unserer Schule, dem Karl-Friedrich-Gymnasium, legte er am 6.7.1896 sein Abitur ab. - Gesamtnote gut!
„Meine Schulzeit ist für mich aus vielen Gründen eine wunderbare Erinnerung, weil in ihr Freundschaften geschlossen wurden, die bis zu dieser Stunde bereichert haben.“
Freundschaften pflegen, Beziehungen gestalten, Networking – das war für Maas immer wichtig, Brückenbauer, so wird er auch gerne bezeichnet, und es hat hohe Symbolkraft, dass in HD eine Brücke den Namen „Hermann-Maas-Brücke“ trägt. Maas war ein Pionier der ökumenischen Bewegung, die sich für Frieden zwischen Kirchen und Nationen einsetzte. Als kurz vor dem Ersten Weltkrieg der „Weltbund für internationale Freundschaftsarbeit der Christen“ gegründet wurde, war der junge Pfarrer dabei.
„Ich habe mein Leben lang diese Linie nicht verlassen und bin in der kommenden Zeit immer radikaler geworden im Kampf um den Frieden und um eine wirklich aktive Gewaltlosigkeit. Darum blieb ich auch bewahrt vor jedem Nationalismus und jeder Begeisterung während der Jahre 1914 bis 1918.“
Während der Weimarer Republik veranstaltete er zusammen mit einem katholischen Theologen und dem Mannheimer Rabbiner Max Grünewald Friedenskundgebungen. Hermann Maas war nicht nur mit Rabbiner Grünewald gut bekannt, er, der stadtbekannte Judenfreund, pflegte gute Kontakte zu vielen Juden und Jüdinnen.
„Schon in früher Jugend fühlte ich, der Sohn und Enkel von Pfarrern, mich zu dem Volk Israel in geheimnisvoller Weise hingezogen, meine ersten Freunde waren im Grunde immer Juden.“
Über die Machtergreifung 1933 schrieb Maas: „Ich sah in Hitler von der ersten Minute Unheil für das deutsche Volk.“
Während viele Menschen sich nach 1933 ihrer Bekanntschaft mit Juden zu schämen begannen, zeigte Maas in aller Öffentlichkeit seine Solidarität. An der Tür seines Pfarrhauses befestigte er eine Mesusa.
„Meine jüdischen Freunde sollen wissen, dass sie bei mir sicher sind.“
Der damalige Heidelberger Rabbiner Fritz Pinkus schilderte das Verhalten von Maas so: „Seine menschliche Verbundenheit war so tief, dass wir an Heiligabend bei ihm waren und er bei uns zur Pessach-Feier und an den hohen Feiertagen des Judentums. Das ging so weit, dass ich ihm dringend raten musste, seine Sicherheit nicht durch Teilnahme an unseren Gottesdiensten zu gefährden. Selten habe ich jemand so innig beten sehen wie ihn, wenn er zu den großen Gebeten an den hohen Feiertagen zu uns in die Synagoge kam.“
Über die Pogromnacht vor 87 Jahren schrieb Maas später: „Das war der Beginn des grauenvollsten Geschehens der kommenden Jahre.“
Eine jüdische Mannheimerin berichtet und durch sie erfahren wir, dass Maas auch der jüdischen Gemeinde in Mannheim sehr verbunden war: „Das war 1938 am 10. November, wie ich erfahren habe oder gehört habe und erst geglaubt hab, es sei ein Gerücht, dass in Mannheim die Synagoge brennt, - da bin ich von der Wohnung zur Synagoge gelaufen im Laufschritt, und es schlug mir schon der Qualm entgegen. Wie ich dann an die Synagoge in F2 kam, standen Massen von Leuten hämisch vor der Synagoge und Hitlerjugend stand mit Sammelbüchsen und haben 20 Pfennig Eintritt verlangt, um für dieses wunderbare Ereignis, nämlich die Synagoge brennen zu sehen, zu kassieren und ich bin dann - vom Rauch kaum etwas sehend und vom Weinen - die Fressgass zurück gerannt und irgendwo auf dem 2. oder 3. Quadrat nach der Breiten Straße hat sich ein Arm um mich gelegt und jemand hat zu mir gesagt: „Kind, wein nicht, das ist der Anfang vom Ende“. Und so bin ich immer wieder den Pfarrer Maas begegnet.“
In einem Brief an seine Konfirmanden schrieb Maas wenige Tage nach der Pogromnacht: „Wehe dem, der dem Menschen dadurch seine Krone nimmt, dass er ihn zum TIER macht, oder wie man heute sagt: Zum Untermensch.“
Als Maas einen jüdischen Mann, der bei den Pogromen verletzt wurde, besuchte, wollte die Ehefrau des Mannes Maas zu seinem Schutz nicht ins Haus lassen. Maas widersprach: „Wenn ich keine Juden mehr besuchen kann, will ich nicht mehr leben.“
In vielerlei Bezügen und auf ganz verschiedene Art und Weise unterstützte Maas jüdische Familien und Einzelpersonen und arbeitet an ihrer Rettung. Viele verdanken ihm ihr Überleben.
Über die besondere Situation von Maas während des „Dritten Reiches“ berichtet der englische Bischof George Bell: „Er ist der exponierteste Mann in der Stadt. Es erscheint fast als ein Wunder, dass er noch in Freiheit ist.“
Einen Teil der Frage nach seinem Überleben beantwortete Hermann Maas selbst so: „Viel Behütung und seltsame, mir oft unerklärliche Unentschlossenheiten der Gestapo bewahrten mich vor dem Allerletzten, dem Lager und dem Strick. Aber ich glaube sagen zu dürfen, dass damals meine große Gemeinde in Heidelberg wie ein Schutzwall hinter mir stand und oft die Gestapo zögern ließ oder gehemmt hat.“
Als die Region 1945 von den Amerikanern besetzt wurde, bedeutet es für Maas: „Freiheit, Erlösung, Ende der Tyrannei!“
Wenige Monate nach Kriegsende schreibt er: „Wie ich mir den Neuaufbau der evangelischen Kirche denke? Aller Neuaufbau muss mit Auskehren, Aufräumen und Abreißen beginnen. In der Sprache der Bibel heißt das Buße tun. Gewiss haben wir vieles nicht gewusst von dem Entsetzlichen, was geschehen ist, aber hat das, was wir wussten, gesehen und gehört haben, nicht genügt? Haben wir nicht den 1.4. 1933 erlebt mit seinen Grausamkeiten und seiner wüsten Demagogie auf unseren Gassen? Haben wir nicht die Lieder gehört, die unsere Jugend sang, wenn sie brüllend durch die Straße zog? Nicht die Reden des Führers und der Führer? Haben wir nicht die abgebrannte Synagoge gesehen? Das Gotteshaus mit einem Bibelwort an der Stirnseite und den Gesetzesrollen im Allerheiligsten? Wir hätten aufschreien und immer wieder unser Leben und unsere Freiheit wagen müssen. Wir alle, die ganze Kirche, wir können uns nicht entschuldigen, wir müssen uns anklagen. Wir klagen uns an.“
Seit 1950 schrieb Maas regelmäßig an seine jüdischen Freunde in Israel und auf der ganzen Welt Briefe zum Neujahrsfest. 1970 im letzten Brief vor seinem Tod schrieb er: „Ich schäme mich fast zu Tode für jedes Zeichen eines neu erwachten Antisemitismus in Deutschland“.
Hermann Maas wurde nach dem Krieg vielfach geehrt und ausgezeichnet. 1949 war er der erste christliche Deutsche, der in den neu gegründeten Staat Israel als offizieller Gast eingeladen wurde. Als er die Auszeichnung „Gerechter unter den Völkern“ erhielt, sagte der israelische Botschafter in Deutschland: „Sie haben diejenigen als Ebenbild Gottes angesehen, die damals nicht als Menschen galten und sie setzten für sie Ihr Leben aufs Spiel.“
Quellen: Thierfelder, Marggraf, Geiger
Vgl. zu Maas auch den Wikipedia-Artikel.