Gedenkgottensdienst in der Konkordienkirche für die Opfer der Novemberpogrome
Am 9.11. fand um 18 Uhr in der Citykirche Konkordien ein Gedenkgottesdienst für die Opfer der Novemberpogrome statt. An dieser Gedenkfeier wirkte das KFG als Träger des Abrahampokals für interreligiöse Verständigung intensiv mit.
Inhaltlich ging es um Hermann Maas, einen Pfarrer in Heidelberg, der während des Dritten Reichs mithilfe seines großen Netzwerkes zahlreichen Jüd*innen half und offen zu ihnen stand.
Seine Eckdaten sowie sein Wirken im dritten Reich wurden von Schüler:innen der neunten Klasse vorgestellt, während Elftklässler:innen einen theologischen Bezug herstellten sowie ihre Gefühle zu Maas´ Wirken teilten.
Die musikalische Gestaltung kam ebenfalls vom KFG, wo ein kleiner Bläserkreis die Veranstaltung adäquat umrahmte.
Mir ging die Veranstaltung sehr unter die Haut und hat mich stark bewegt. Wenn man die Bilder der Zerstörung in Mannheim sieht - an Plätzen, die man jeden Tag überquert - bekommt das sonst vielleicht abstrakt wirkende Leiden im Dritten Reich ein sehr reales und fürchterliches Gesicht.
Durch die intensive Beschäftigung mit diesem Tag ist mir erstmals die abstruse Mischung aus Tragödie und Freude, aus Spaltung und Vereinigung, aus Wegsehen und füreinander Einstehen klar geworden.
Ich bedanke mich herzlich bei allen, die bei diesem berührenden Gottesdienst mitgewirkt haben.
Text : Julius Schmahl ( K1) für die Rasenden Reporter
Bilder: A.Hartmann
Gedanken zu Hermann Maas von Schüler:innen der K1
Uns beeindruckt bei Maas besonders sein Engagement in der Politik. Für ihn war es selbstverständlich, dass die Kirche gesellschaftliche und damit auch politische Verantwortung hat. Sie muss sich gegen Unrecht stellen und den Entrechteten helfen. Gott ist ein parteiischer und befreiender Gott, so haben wir das aus der Mosegeschichte gelernt. Für Maas war klar, Kirche ist nicht nur für ein frommes Gefühl da und für die Ränder des Lebens. Das ganze Leben des Menschen hat Bedeutung. Maas setzte sich für die Demokratie ein, in den 20er Jahren war er Stadtrat in Heidelberg und kämpfte dafür, dass für arme Leute würdiger Wohnraum geschaffen wird. Und er half vielen Menschen auch ganz konkret, indem er z.B. Medikamente oder Kohlen organisierte, wenn die Not groß war.
Er trat immer für den Staat Israel ein, aber für ihn war klar, dass das „verheißene Land“ ein Land sein muss, in dem man sich um Gerechtigkeit und Frieden bemüht.
Ivan und Gero
Uns beeindruckt sein Engagement für jüdische Menschen und für das Judentum. Er trat immer für Juden und Jüdinnen ein. Vielen half er ganz praktisch im Alltag, während er zugleich seine internationalen Beziehungen nutzte, um Jüd:innen die Flucht aus Deutschland zu ermöglichen. Sein Handeln gründete ganz sicher in seiner Nächstenliebe, aber er hatte eine große Offenheit gegenüber dem Judentum. Wenn wir heute von christlich-jüdischem Dialog sprechen, dann können wir betonen, dass er einer der Wegbereiter des Dialogs war. Er besuchte jüdische Gottesdienste, studierte jüdische Traditionen und Texte und war im Gespräch mit wichtigen jüdischen Denkern wie zum Beispiel Martin Buber oder Schalom Ben-Chorin. Er lernte Neuhebräisch, um mit den Menschen in Israel in ihrer Sprache sprechen zu können. Er trat jedem christlichen Antijudaismus entgegen und war damit dem Denken seiner Zeit weit voraus.
Gerade jetzt, in Zeiten des wiederaufkommenden Hasses ist es wichtig, sich an ihn zu erinnern und nach seinem Vorbild zu handeln.
Magdalena, Sophie und Nike
Begegnungen sind für Hermann Maas Grundlage für den Frieden. Wenn Menschen sich kennen und Sicheres voneinander wissen, so Maas, dann hält es sie davon ab, Schlechtes zu tun. Maas war überzeugt, dass Begegnungen einen verwandeln und auf Gegenseitigkeit beruhen.
Dies hat bei ihm ganz sicher auch einen persönlichen Hintergrund, denn er hat nicht nur durch sein großes Netzwerk von Freunden und Bekannten, zahlreiche Jüd:innen retten können, sondern er vermutet selbst, dass er durch sein Netzwerk vor den Nazis gerettet wurde, da Freunde und seine Heidelberger Gemeinde hinter ihm standen.
Sein Wirken über alle Grenzen hinweg erinnert uns stark an das Wunder von Pfingsten, wo durch den Heiligen Geist Sprachgrenzen überwunden wurden. Gerade in den Zeiten, in denen Hass und Hetze in unserer Gesellschaft wieder in den Vordergrund rücken, müssen wir nach seinem Vorbild uns für Begegnungen und Zwischenmenschlichkeit engagieren und Netzwerke schaffen, die einerseits Menschen vor dem Fall retten, die andererseits Menschen aber auch die Möglichkeit geben über diese Netzwerke zu anderen zu finden, sie zu verstehen und ihnen zu helfen.
Marc und Julius
Was ich von Hermann Maas lerne? Er sah in jedem anderen ein Ebenbild Gottes, Herkunft, sexuelle Orientierung, gesellschaftlicher Status, Religion – das alles war für ihn ohne Bedeutung. Sein Stadtbild und sein Menschenbild waren nicht exklusiv.
Wir alle sind Menschen – wir alle haben Ängste und sind verletzlich, aber wir haben auch das Potential, für andere da zu sein, andere zu stärken, sie zu ermutigen und ihnen zu helfen.
Wir alle sind Bild Gottes, das heißt wir alle sind dafür verantwortlich, dass diese Welt ein guter Ort ist, ein guter Ort wird – für alle Menschen.
Alex und Luis
Maas hat seine eigenen Bedürfnisse und Bequemlichkeit hinten angestellt und sich für Einzelne und ganze Gruppen eingesetzt. Das zeigt nicht nur, dass ein Einzelner viel bewirken kann, sondern auch dass einzelne Handlungen oder Personen eine Bewegung auslösen können und vielfältige Veränderungen bringen können.
Den meisten Menschen ist letztendlich – auch wenn sie es nicht zugeben – das eigene Wohlergehen am wichtigsten; es geht ihnen um Finanzen oder um die Anerkennung durch andere. Hermann Maas handelt nicht aus Selbstzwecklichkeit.
Das Streben nach Gerechtigkeit, Mitgefühl steht für ihn im Vordergrund. Wir verbinden mit ihm den Begriff Selbstlosigkeit. Wer handelt heute selbstlos? Auch wir müssen uns eingestehen, dass wir auf Anerkennung nicht direkt angewiesen sind, aber zumindest unbewusst danach lechzen. Maas war selbstlos. Das bewundern wir an ihm; seine Selbstlosigkeit kann inspirieren.
Frida und Helena